Die Kultur in Deutschland sei durch die aktuelle Finanz- und Bankenkrise
nicht in Gefahr, erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) noch
vor wenigen Monaten. Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten stelle die öffentliche Kulturförderung in Deutschland einen Stabilisierungsfaktor dar. Ganz im Gegenteil zu den USA, wo aufgrund der überwiegend privat finanzierten Aktivitäten ganze Kulturbereiche gefährdet sind. Soeben musste die Opera Pacific in Santa Ana, Kalifornien, schließen. Jetzt, da sich private Geldgeber zurück ziehen, erweist sich das Fundament aus Sponsoring, Fundraising und Stiftungsgeldern als brüchiger Grund.
Doch in Deutschland weht kein wärmeres Lüftchen. Obwohl hierzulande Kultur staatlich gefördert wird (oder gerade weil dem so ist), bleibt dieser Sektor von der Krise nicht verschont. In Wuppertal, Hagen und Oberhausen sind öffentlich finanzierte Theater von der Schließung bedroht. In Stuttgart gingen jüngst rund 3000 Menschen auf die Straße, mehr als 150 Institutionen aller Kunstsparten unterstützten diese erste „Artparade“, um gegen geplante Kulturkürzungen zu demonstrieren. Der Züricher Kulturwissenschaftler Beat Wyss hielt in der Landeshauptstadt eine flammende Rede, die wir in unserer neuen Ausgabe für Sie abdrucken. Kunst und Kultur sei nicht nur sinnstiftend, sondern ein harter Wirtschaftsfaktor, sei der Schrittmacher des wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sozialen Fortschritts, erklärte Wyss und plädierte für eine Einheit von Ökonomie und Kultur.
Wie jedoch lässt sich der Spagat zwischen künstlerischer Freiheit einerseits und ökonomischer Abhängigkeit andererseits meistern? Müssen Kulturschaffende künftig stärker nach wirtschaftlichem Kalkül planen? Es solle, meint Werner Heinrichs, Rektor der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, im Gespräch mit dem Kulturkalender, auch in der Kultur die Kundennachfrage und Marktorientierung in den Vordergrund rücken. Er sieht Möglichkeiten, Fördermittel künftig nach neuen, innovativen Modellen, und strenger Qualitätsprüfung zu vergeben.
Eigentlich war das Künstlerdasein, bis auf wenige Ausnahmen, schon immer ein hartes, daran hat sich auch in Zeiten von Hartz IV wenig geändert. Noch immer leben viele Künstler nicht von ihren Bildern oder Büchern, sondern von fachfremden Nebentätigkeiten. Noch immer tingeln Schauspieler Abend für Abend für geringes Entgelt auf den Brettern, die einst die Welt bedeuteten.
Was ist sie uns wert, unsere Kultur? Schon der Hofmaler Conti antwortete in Lessings Tragödie „Emilia Galotti“ auf die Frage des Prinzen: „Was macht die Kunst?“ – „Prinz, die Kunst geht nach Brot.“ Das wird in Zeiten der Finanzkrise kaum anders. Dass jedoch staatlich geförderte Kulturbetriebe nun abgestraft werden, weil Bankmanager schlecht gewirtschaftet haben, darf nicht sein. Elfriede Jelineks bittere Parabel „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“ in der Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe ist hierzu der beste Kommentar, darin heißt es: „Geld ist nicht alles, es ist nur alle“!
In diesem Sinne wünschen wir eine anregende Lektüre!



