In diesem Widersinn derlei Gedankenspiele wird man zu seinem eigenen Forschungsgegenstand. Das heißt, ich frage nach der Qualität und Substanz, die Werke haben müssen, damit sie aus eigener Mentalität heraus diesem "Verweile doch..." Paroli bieten. Eine erste, vielleicht allgemeine Antwort könnte sein: Es sind für mich Werke, die in ihrem permanenten Wandel, im blitzschnellen Wechsel ihrer Identität fixierten und damit festgefahrenen Zugriffen widerstehen. Und solche Werke gibt es zuhauf. Kompositionen, die schillernd sind, auch in ihrem Charakter, also noch etwas mutiger formuliert: charakterlose Klangwesen ohne Meinung, ohne Maskierung. Und vieldeutig, so vieldeutig, so viele Menschen es gibt, die sich ihnen nähern!
Das Gebot nun, sich auf Lieblingsstücke festzunageln, fordert ein, Grenzen zu übersteigen, die ich mir selbst als nicht übersteigbar aufgezwungen habe. Höhenangst zu besiegen, zählt
im Grenzbereich der tatsächlichen wie der spirituell-künstlerischen Gebirgsmassive zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Also auch auf dem kontaminierten Gebiet der gegenwärtigen Musik Grenzen zu übersteigen, gehört mit dem ganzen Schwindel dabei dazu. Sie bedeutet mir viel, weil sie zunächst von etwas spricht, was ich beim ersten, zweiten, ja beim vielfachen Hören immer extrem unterschiedlich verstehen kann.
Weil ich vordergründig und berufsgemäß eine Art NeueMusikFuzi geworden bin, will ich bei dieser öffentlichen Entblößung nicht kuschen und zu dieser Leidenschaft allem Neuen gegenüber stehen und innerhalb der Vielzahl von "Lieblingen" zwei Werke nennen, die innerhalb der letzten 20 Jahre komponiert worden sind. Und ich werde zwei weitere Werke aus der Musikgeschichte nennen, deren Existenz meine Existenz phasenweise komplett aus der Gewohnheitsbahn geworfen haben.
Ich nenne die beiden geschichtsträchtigen Werke zuerst: Franz Schuberts Streichquartett G-dur, D 887 (opus posthum 161) und Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal. Endlos müssten nun meine Erklärungen und Begründungen sein. Sie blieben ein sprachliches Rudern im gischtkrachenden, aufgepeitschten Meer der instrumentellen und harmonischen Wunder. Ich würde beim Erklären per definitionem untergehen. Sowohl Schubert als auch Wagner haben mich mit diesen speziellen Werken an die Grenzen meines Erfassenkönnens gebracht, oder besser an die Grenzen des Standhaltenkönnens, was ja durchaus etwas mit innerem Gleichgewicht, also auch mit Schwindel, zu tun hat. Ich habe die beiden Werke oft gehört, vielfach gelesen, studiert, befragt. Selbst die Partitur, also der gedruckte Notentext, lässt beim neuerlichen Lesen neue Entdeckungen zu, die zuvor unentdeckt blieben, ja sich mit listiger Freude unbedeckt maskierten (ein sakrischer Kniff!). Ein perpetuum mobile neuer und erneuerbarer Einsichten!
Und die beiden Werke der Gegenwart? Für mich sind sie ranggleich den Werken Schuberts und Wagners. Auch diese habe ich vielmals gelesen, oft gehört, mit ihnen, den Komponisten, die sie komponiert haben, in vielen Gesprächen darüber "diskutiert", und ich bin dabei - fast peinlich zu schreiben - in meiner Begeisterung über das Werk von ihnen zur Räson gebracht, quasi heruntergebremst worden. Denn welcher lebende Künstler hält die persönliche Ergriffenseinssuade als Bewunderungsfloskeln schon aus!? Die kostbaren halten das nicht aus. Die mögen profunde Erkundungen in der Partitur und ein individuelles Verhältnis dazu. Kein Schwärmen, kein unsicheres Schwafeln.
Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern in der letzten Version! Und Wolfgang Rihms etwa zur gleichen Zeit entstandenes Zehnte Streichquartett! Das sind sie also, meine beiden Lieblingsstücke aus der Gegenwart, nicht herausgefischt aus dem Meer an Möglichkeiten, sondern ich bin ins Entscheidungswasser gesprungen. Ins Scheidungswasser. Eiskalt. Abgebrüht.
Hans-Peter Jahn