Kulturelle Kleinode im Land

Der Besinnungsweg in Fellbach

Skulpturenwege gibt es immer mehr. Hinter dem Skulpturenweg in Fellbach verbirgt sich jedoch ein außergewöhnliches Projekt.
Auf einem Weg am nördlichen Rand von Fellbach werden Natur, Kunst, Religion und Philosophie an ausgewählten Orten zusammengeführt und bilden so einen Skuplturenweg, vor allem aber einen „Besinnungsweg". Den vorgesehenen 12 Besinnungsorten ist jeweils ein Thema zugeordnet, das durch Zitate aus Literatur, Religion oder Philosophie verdeutlicht wird. Hier sind bereits sechs Stationen mit themenbezogenen Kunstwerken entstanden, weitere sechs werden im Laufe der Zeit noch entstehen. Grundgedanke des Projekts ist, einen Weg anzulegen, der durch die
Gestaltung einzelner Besinnungsorte zum Verweilen einlädt und zur Auseinandersetzung mit religiösen und weltanschaulichen Fragen anregt. Die Oeffinger Feldkapelle „Heilig Kreuz" an einem historischen Verkehrsweg gelegen, dokumentiert die jahrhundertealte Idee des Besinnungsweges. Mit ihrer bemerkenswerten Stuckierung aus dem 17. Jahrhundert belegt sie eindrucksvoll die traditionelle Verbindung von Kunst und Religion. Sie steht am Anfangspunkt des Weges uns ist in dem überkonfessionellen Projekt Besinnungsweg gewissermaßen das historische Zeugnis eines allgemeingültigen Prinzips. In allen Gesellschaften münden Fragen nach transzendenten Inhalten, für sich selbst schon konstitutiv für Menschwerdung überhaupt, früher oder später auch in eine kreativ künstlerische Umsetzung.

Die Arbeit „Void" von Alfred Görig ist bereits 1985 entstanden und wurde jüngst installiert, um den kleinen
Platz mit Infotafel und Wegweiser am Beginn des Besinnungsweges zu akzentuieren. Vier aufrecht stehende, sich nach oben verjüngende Granitplatten, die sich an den Kanten nahezu berühren, grenzen mit ihren polierten Innenseiten einen unzugänglichen, nach oben offenen Raum mit quadratischer Grundfläche aus. Die schroffen, abweisenden Außenseiten der Platten, auf deren rohen Bruchkanten die Kanäle der Bohrlöcher aus dem Steinbruch noch zu sehen sind, halten den Betrachter auf Distanz. Durch enge Spalten an den Kanten der Skulptur eröffnen
sich Einblicke in das Innere. Der Leere ist hier ein Gehäuse, ein Schrein errichtet, der sich zum Himmel, zum Universum hin öffnet. Es geht hier um eine mystische Vorstellung von „Leere", die am Anfang der meisten Schöpfungsideen steht, bei denen in der Regel eine Macht aus dem Nichts heraus die Welt kreiert . Görigs
Arbeit ist als Gedankenanstoß und Einstimmung wie geschaffen für den Besinnungsweg, der sich an den eigentlichen Besinnungsorten explizit mit Fragen nach Zeit, Schöpfung, Gottsuche und Religion beschäftigt.

Inge Mahn hat für den Besinnungsort „Zeit" ein Segment einer überdimensionalen Sonnenuhr installiert. Sie besteht aus einem steinernen Antoniuskreuz, davor eine Bank, auf der man sich niederlassen kann. Der Blick des Betrachters fällt auf sechs, in einiger Entfernung im Halbrund aufgestellte Steinsäulen, an denen der Gang der Sonne ablesbar ist. Der Querbalken des Kreuzes markiert die nordsüdliche Himmelsrichtung. Angezeigt werden
Sonnenaufgänge zu bestimmten Kalendertagen. Trotz der korrekten Einmessung, die diese Uhr zu einem exakten Instrument macht, geht es nicht darum, die genaue Uhrzeit mit der Präzision von Stunden und Minuten ablesen zu können. Vielmehr werden die unterschiedlichen Facetten des Phänomens Zeit in ihrer Vielschichtigkeit
vergegenwärtigt und begreifbar gemacht: hörbare, sichtbare, fühlbare Zeit. Im Mittelpunkt steht eine kosmische Zeit, die durch Sonnenauf- und -untergänge ihr natürliches Intervall findet; es geht um Jahreszeiten, die nicht nur an der Sonnenuhr selbst, sondern auch an den umgebenden Feldern ablesbar sind, um Saat,Wachstum, Ernte und Brache.

Für den Besinnungsort „Geborgenheit /Vertrauen" schuf der Künstler Jürgen Brodwolf ein rund 5 m langes Boot aus Cortenstahl, auf das ein Skulpturenpaar montiert ist. Auf einer Wiese, unweit des Weges installiert, scheint das Boot wie an einer Untiefe gestrandet. Der Rost des Bootskörpers, die wie korrodiert erscheinende
Oberfläche der darauf montierten, stark abstrahierten Figuren suggerieren hohes Alter, als läge das Boot schon seit langer Zeit an dieser Stelle. Nur ein kleines Rinnsal neben dem Weg erinnert an die Wasserfluten,
die sich längst zurückgezogen und das Boot an dieser Stelle zurückgelassen haben mögen. Bewegungsunfähig und etwas in der Weite der Landschaft verloren, scheint das Boot von einer längst vergessenen Geschichte zu künden. Brodwolf schreibt zu seiner Skulptur: „Das „Figurenpaar" lässt keine eindeutige Interpretation zu, sagt nichts über Alter, Geschlecht und Zeit aus. Aber in der Haltung des Paares drückt sich der Wunsch und das Bedürfnis der Menschen nach Geborgenheit und Sicherheit in der schützenden Zweisamkeit aus...

Anatol Herzfeld hat das Thema „Gott/Transzendenz" zum Thema seiner Arbeit gemacht. Ein abstrahiertes Gesicht, in einen mächtigen Findling aus Granit gehauen, blickt über das Tal in Richtung der Oeffinger Kirchtürme.
Der Gottsucher, wie Anatol seine Skulptur nennt, schafft so einen Bezug von der uralten Kulturlandschaft,
die über Jahrhunderte von den Bewohnern bearbeitet wurde zu diesen traditionellen, spezifisch religiös geprägten Orten der Einkehr, der Ruhe und Zwiesprache mit Gott. Der Fellbacher Gottsucher ist kein Atelierprodukt. Ausgehend von einer knappen Skizze, die bereits während des ersten Gesprächs über eine eventuelle Teilnahme Anatols am Fellbacher Besinnungsweg entstand, wurde das Projekt von der Suche des geeigneten Findlings bis zur Bearbeitung des Steins und der Setzung an seinem endgültigen Ort quasi öffentlich, teilweise mit bemerkenswerter Publikumsbeteiligung realisiert.

„Erinnerung/Vergessen" ist das Thema der Arbeit von Tamás Trombitás. Eine begehbare Fläche ist mit quadratischen Granitplatten belegt. Auf dieser Fläche bilden einige Quader eine Art Mauerfragment. Platten und Quader sind mit eingelegten Streifen aus Basalt versehen. Sie bilden Lettern in einem vom Künstler entwickelten Alphabet. In der richtigen Reihenfolge gelesen ergeben sie ein Textfragment aus der Bibel:"Unser Leben währet siebzig Jahr, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe
und Arbeit gewesen" (Psalm 90,10). Der Text ist mit Hilfe eines Übersetzungsschlüssels im Prinzip entzifferbar, dennoch erschließt sich die Arbeit auch ohne diese konkrete Information. Denn dass es sich bei den Platten und Quadern um Zeichen handelt, ist ersichtlich: Zeichen aus widerstandsfähigem Material, offenbar für die Ewigkeit gemacht. Eine Botschaft wird an die Nachwelt gerichtet, eine Botschaft, die nicht vergessen werden, die in Erinnerung bleiben soll. Doch die Spuren des Zerfalls sind sichtbar. Die Fläche erinnert an einen archäologischen Befund. So wird das Zeichenfeld vom Weg durchschnitten, auch an den Rändern scheinen einzelne Platten zu fehlen. Es geht um Erinnerung und um deren Nachtseite, um Verlust, um Vergessen.

Micha Ullman hat sich für seinen Besinnungsort mit dem Thema „Schöpfung" auseinangergesetzt. Die für den Besinnungsweg realisierte Arbeit greift das Thema des Vergehenden, des Anwesenden im Abwesenden auf. Ein tatsächlich existierender, lebensgroßer Baum, in seiner authentischen, wenngleich vereinfachten Gestalt aus einer mächtigen Stahlplatte ausgesägt, wird nur durch seinen Schattenriss als Negativform definiert. Die 18 m lange und ca. 9 m breite Platte liegt auf der Erde, Gräser und Kräuter wuchern durch die freien Stellen und
zeichnen das Bild des abwesenden Baumes nach. Die Arbeit ist eine Chiffre für den Baum in seinem ganzen Bedeutungsspektrum: Von der Symbolik des Prinzips von Werden und Vergehen in der Natur, über die Idee des Lebensbaumes, des Stammbaumes aber auch für das Phänomen des Einmaligen, des Individuellen innerhalb einer Gattung, das sich im Rahmen eines Bauplans stets ähnlich, aber in genau dieser Form nie wieder einstellen
wird. Damit steht dieser Baum natürlich auch als Zeichen für das menschliche Wesen, die Unwiederbringlichkeit und Einzigartigkeit eines jeden Individuums.

Weitere Informatioen: Stadt Fellbach - Kulturamt, Marktplatz 1, 70734 Fellbach, Fon 0711/5851-364 oder Förderverein Besinnungsweg Fellbach e.V., Klosterplatz
7/1, 70736 Fellbach-Oeffingen, Fon 0711/5174 530, Mobil: 0171 80 20 710


*Die Vorlesefunktion nutzt Voice Reader Web von linguatec.de

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