Podium Junge Kunst

Luka Fineisen

»Es interessiert mich, wenn honigfarbenes Gießharz so aussieht, als würde es süß schmecken«, erklärt Luka Fineisen, »wenn Tageslicht für einen Moment etwas Ewiges bekommt oder wenn zehn Tonnen Pfannkuchenteig etwas Asketisches ausstrahlen.«
Luka Fineisen
Luka Fineisen, »Flutung«, Kunstmuseum Stuttgart, 2008, Folie, © Fineisen
Der Bildhauerin Luka Fineisen geht es um Grenzen und die richtige Balance. Diese erkundet sie als neunte Künstlerin in der Ausstellungsreihe »Frischzelle«. Ihr neuestes Werk »Flutung«, eine über hundert Quadratmeter große Rauminstallation aus Zellophan, begräbt die letzten, ins Untergeschoss führenden Treppenstufen unter sich. In dieser eigens für das Kunstmuseum Stuttgart geschaffenen, monumentalen Arbeit spielt die 34-jährige Künstlerin, die 2007 mit dem Max-Pechstein-Förderpreis ausgezeichnet wurde, mit den Gegensätzen von Schwere und Leichtigkeit, Transparenz und Dichte. Luka Fineisens ›künstliches Naturschauspiel‹ ist bis 15. Februar im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen. Ein Meer aus Zellophan überschwemmt Boden und Treppenstufen im Untergeschoss des Kunstmuseums und lässt den Ausstellungsraum
für kurze Zeit zum Schauplatz eines ungewöhnlichen, künstlich arrangierten Naturschauspiels werden. Die monumentale Skulptur aus Folie erschließt sich dem Betrachter schon vom oberen Stockwerk aus. Nur eine schmale Passage zwischen dem gewaltigen Volumen und der Wand erlaubt ihm, in das untere Ausstellungsgeschoss zu gelangen. Von dort aus präsentiert sich dem Besucher die Skulptur »Flutung« stellenweise als massive Mauer von überraschend sinnlicher Präsenz, die stark auf die Lichtsituation ihrer Umgebung reagiert. Aus den unterschiedlichen Perspektiven, von denen die Installation einsehbar ist, ergeben sich immer wieder neue Ansichten und Eindrücke. Die verwendete Folie kann einmal fest und schwer, dann wieder filigran und leicht erscheinen. Ebenso bietet die ungewöhnliche Raumskulptur gleichzeitig Momente der Assoziation sowie der Irritation. Indem der Betrachter völlig unvermutet im Museum auf eine an Wasser oder Eis erinnernde, ephemere Masse trifft, deren »Aggregatzustand« jedoch völlig im Unklaren bleibt, spielt die Künstlerin bewusst mit den Erfahrungen des Museumsbesuchers. Um die perfekte Balance zu erreichen, nähert sie sich bewusst den Grenzen des vermeintlich Unkontrollierbaren und Bedrohlichen. Daraus schöpfen ihre Werke eine außergewöhnliche Kraft und erhalten trotz der Kargheit der Materialien immer wieder eine enorme Opulenz. Das Spiel mit dem Licht und seiner Veränderlichkeit verleiht dem anorganischen Material einen Ausdruck von scheinbarer Belebtheit. Als Materialien verwendet Luka Fineisen neben der im Kunstmuseum eingesetzten Folie verschiedene Kunststoffe und Kunstharze sowie in unterschiedliche Zustände versetztes Wasser - als dickliche Flüssigkeit, Schaum, Eis oder Nebel - aber auch Naturprodukte wie Milch, Honig oder Teig. Durch ihre Behandlung werden diese Materialien zu etwas Neuem, oft Undefinierbarem. Eine wesentliche Rolle bei ihren raumbezogenen Arbeiten spielen die Gegebenheiten des spezifischen Ortes, auf den sie eingehen und den sie beleben. Irritiert zum Beispiel bei der »Flutung« zunächst der sich konisch öffnende und abrupt in die scheinbare Wasserfläche einschneidende Durchgang am Treppenabsatz, so erweist er sich doch als eine völlig logische Konsequenz zum vorgegebenen Raumgefüge. Indem die Grenzen der Skulptur parallel zur hinteren sowie zur Innenwand verlaufen, greift die Arbeit die geometrischen Formen der Museumsarchitektur auf und erhält damit gleichzeitig ein klar definiertes, eigenes Volumen.

Nach einem dreijährigen Kunststudium am Memphis College of Art / USA kehrte Luka Fineisen 1999 nach Deutschland zurück, wo sie unter Irmin Kamp und Fritz Schwegler in Düsseldorf ihre Ausbildung fortsetzte. Das offene Klima an der dortigen Kunstakademie ermöglichte Fineisen, außergewöhnliche Skulpturen zu entwickeln, die durch ihre scheinbare Belebtheit und feine Struktur faszinieren. Im letzten Jahr gewann die gebürtige Offenburgerin für ihre raumbezogenen Projekte mehrere Preise.
Fineisens Arbeiten sind vielfältig, da sie auf die jeweilige Ausstellungssituation zugeschnitten sind: 2003 ließ die Künstlerin für eine Präsentation im Museum Folkwang in Essen kontinuierlich Schaum aus den Öffnungen der so genannten Sheddächer quellen. Ein anderes Mal verwandelte sie einen Lastenaufzug, den sie mit Strohballen füllte, in einen riesigen Tresor mit überdimensionalen Goldbarren. In der Kunstakademie Düsseldorf füllte Fineisen 2005 ein riesiges, sich über den gesamten Raum erstreckendes Becken mit einer an Pfannkuchenteig erinnernden Flüssigkeit, die von aufsteigenden Luftblasen belebt wurde. Neben visuellen und akustischen Reizen wurde bei dieser Arbeit auch der Geruchssinn des Betrachters angeregt. Gemeinsam mit Gereon Krebber, der die »Frischzelle« in diesem Frühjahr gestaltete, stellte Luka Fineisen 2006 im Parkhaus im Malkastenpark Düsseldorf aus. Zwar verbindet beide, dass sie traditionelle Prinzipien der Bildhauerei mit alltäglichen Materialien umsetzen und ihre meist temporären Skulpturen in einen direkten Bezug zur Umgebung stellen. Dennoch schafft Fineisen es, der Herausforderung des anspruchsvollen »Frischzelle«-Raums auf ganz andere Art zu begegnen und der Architektur mit ihrer raumgreifenden Arbeit eine völlig neue Wertigkeit zu verleihen. Während Krebbers Skulpturen in den Raum eindringen und ihn besetzen, erinnern Fineisens Installationen an Naturphänomene, die zu einem Teil des Raumes werden.


*Die Vorlesefunktion nutzt Voice Reader Web von linguatec.de

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