Der Autor Markus Orths

Die Zukunft liegt wie ein durchgekauter Kaugummi in ihren Mündern

Wenn er loslegt, schreibt er wie im Rausch: unheimlich schnell und viel.
Die Zukunft liegt wie ein durchgekauter Kaugummi in ihren Mündern
Markus Orths
Das merkt man seinen Büchern gar nicht an, sind es doch eher schmale Bände, mit denen sich Markus Orths einen Namen machte. Sein jüngstes Werk, das er heuer in Klagenfurt beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis vorstellte, hat gerade mal 140 Seiten. Die haben es allerdings in sich: Lakonische Sätze, absurde Gedanken, skurrile Situationen. „Das Zimmermädchen" hat die hochkarätige Jury des bedeutenden Literaturwettbewerbes überzeugt. Zwar hat der in Karlruhe lebende Autor nicht den Hauptpreis eingestrichen (den gewann Tilman Rammstedt mit „Der Kaiser von China"), aber der Telekom-Preis ging an Orths. Die Juroren lobten den humorvoll, leicht ins Unheimliche abgleitenden Ton. Nichts Moralisierendes oder Ästhetisierendes mache den Text schwer, er sei auf positive Weise „undeutsch". In dem Buch schleicht sich das putzsüchtige Zimmermädchen Lynn unter die Hotelbetten und belauscht die Gäste. Orths behandele die Frage des Nihilismus, die Figur führe als „écouteur" ein virtuelles Leben. Es gibt keine Lösung, nichts macht Sinn, alles gleitet melancholisch an Lynn vorbei. Einmal hört sie einem Pärchen zu, das ein mögliches Leben mit Kindern und Haus verhandelt „die Zukunft liegt wie ein durchgekauter Kaugummi in ihren Mündern." Solche Bilder strahlen wie Kometen in den Büchern von Markus Orths. Zwar gibt es weder Plot noch Ponten, dafür eine sanfte Verstörtheit, ein dezentes Zögern, ein Hauch von Verwirrung. Auch die Dialoge mit der Mutter sind knappe oft lapidare Gespräche, die in einem wunderbaren Satz gipfeln, auf den alles hinzuarbeiten scheint: „Wir bräuchten einen Gefühlsdolmetscher, jemanden, der zwischen uns sitzt und das, was ich sage, in ihre Welt übersetzt"
Aber weil sie den nicht haben, können sie das Wesentliche nicht besprechen, bleiben an der Oberfläche. Markus Orths wollte sich in Klagenfurt nicht mit dem üblichen Video-Porträt vorstellen, sondern nur mit seinem Text. Im persönlichen Gespräch erzählt er dagegen offen und gerne aus seinem Leben. 1969 in Viersen geboren, besuchte er nach dem Abitur Freunde in Freiburg und verliebte sich vom Fleck weg in das Breisgaustädtchen. Dort studierte Orths Anglistik, Romanistik und Philosophie. „Vor allem Sprachphilosophie gehörte zu meinen Lieblingsfächern. Ich habe viel von Racines Dramen gelernt, der besondere Sprachrhythmus hat mir gut gefallen und von den Engländern kann man sich das plotsatte Erzählen, dieses Geradeheraus abschauen," erinnert sich der freundliche Mann, genüsslich an seiner Gauloise ziehend. Dann meint er: „Wer Lesen nicht liebt, wird nicht schreiben können". Unter den zeitgenössischen Schreibern zählen John von Düffel, Karen Duve, Katja Langen-Müller, aber auch Jonathan Safran Foer zu seinen Favoriten.
Gefährlich wird es, wenn er Thomas Bernhard liest, zu ähnlich sind sich die beiden im Stil. Auch Orths hat diese kaskadenhaften Kommasätze, den trockenen Humor und vielleicht erinnert „Das Lehrerzimmer" am meisten an den großen Österreicher. „Ich lese lieber Robert Musil, da bin ich gar nicht anfällig, das färbt nicht ab," lacht Orths.
Zu Beginn des Refrendariats kam der frisch gebackene Lehrer nach Karlsruhe. Nach einem Jahr an der Schule sagte er die Stelle in Freudenstadt ab, um mehr zu schreiben. Bereits während des Studiums hatte er Texte verfasst, aber erst mit 27 Jahren schickte Orths erstmals welche an Literaturzeitschriften. „Am Ende des Jahres war ich Pleite und musste eine Lehrerstelle in Göppingen annehmen. Ich wollte es durchziehen bis zur Verbeamtung und mich dann beurlauben lassen, um weiter zu schreiben", erinnert er sich. Parallel dazu hatte sich der bescheiden wirkende Autor mit seiner Erzählung „Wer geht wo hinterm Sarg" am Literarischen Colloqium Berlin beworben. Zwar bekam er das Stipendium nicht, aber der Leiter Uli Janetzi, gab das Manuskript an seinen Freund Klaus Schöffling, der es publizieren wollte. Seither hält Orths dem Frankfurter Schöffling Verlag die Treue. Sein Jahr als Lehrer zog er trotzdem durch. Eigentlich hätte Orths gerne Ethik und Philosophie unterrichtet, doch für solche Fächer ist an deutschen Schulen noch immer zu wenig Platz. Also musste er in Englisch und Französisch „Sheriff spielen mit dem üblichen Belohnen oder Bestrafen". Die gemachten Erfahrungen verarbeitete der ruhige Mann in dem Buch „Lehrerzimmer", sein erster großer Erfolg. Subtil werden Mechanismen bloßgelegt: „Man gehe unter, der Einzelne, der Mensch, das Individuum, man werde verschluckt, verspeist, verspachtelt, zugekleistert mit Kampf und Konkurrenz, das Menschliche, das, was den Menschen allererst zum Menschen mache, sein Herz, die Erkenntnis des Herzens, all das stehe in keinem Bildungsplan". Die satirische Form der Übertreibung schützte ihn vor Klagen seitens leicht verschnupfter Direktoren oder Schulbuchverlage. Ob er nicht eine Fortsetzung schreiben wolle, etwa „Elternabend" habe man ihn schon oft gefragt. Vielleicht kommt das ja, sobald sein 14 Monate alter Sohn zur Schule geht und er dann die Dinge als Vater wahrnimmt. Doch momentan genießt Papa Orths den kleinen David Orlando und verbringt gerne Zeit mit Kind und Frau. Steckt in jedem seiner Bücher Autobiografisches? „Es muss immer etwas mit mir zu tun haben, damit ich viel Kraft reinlege. Bleibt man jedoch nur bei sich, ist die Grenze schnell erreicht," meint Orths. In „Catalina" mit 320 Seiten bisher sein umfangreichster Roman, behandelt er einen historischen Stoff. Daran faszinierten ihn die Rollenerwartungen, das Brechen mit Konventionen. Diese Frau aus dem 17. Jhd. hat ihre Identität gewechselt, um als Soldat Karriere zu machen. Was in den Menschen vorgehe, sei unabhängig vom Geschlecht, meint Orths. Er hat keine Berührungsängste und kann sich problemlos in eine Frau hineinversetzten, wie nicht zuletzt das Zimmermädchen belegt.
Inzwischen kann er vom Schreiben leben, wenngleich ihm fast die Zeit dazu fehlt. Er arbeitet morgens fünf Stunden am Computer, dann ist der Junior dran. Auch Management, Lesereisen und Korrekturen erfordern viel Energie und etliche Stunden. Sein jüngstes, bislang unveröffentlichtes Werk dreht sich um einen Hirnforscher. Ihm fehlt noch der Titel, „Hirngespinste", sollte es heißen, doch das sei leider schon vergeben. Von der einsamen Schreibtischarbeit erholt sich der junge Schriftsteller beim Fußball schauen oder Billard spielen. Ab und an spielt er Tennis oder joggt durch die Grünzonen von Karlsruhe. Die nächsten Jahre möchte er in der Fächerstadt bleiben, wobei er mittelfristig einen Auslandsaufenthalt nicht ausschließt. Bis dahin bleibt noch Zeit für weitere typische Orths Zeilen. Wer weiß, vielleicht entdeckt ihn ja auch jemand für einen bedeutenden Buchpreis, verdient hätte es dieser Autor mit Sicherheit.
Ute Bauermeister

 

Markus Orths, geboren 1969 in Viersen, studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg, lebt als freier Schriftsteller in Karlsruhe
Veröffentlichungen, erschienen bei Schöffling & Co:
Wer geht wo hinterm Sarg - Erzählungen
Lehrerzimmer -Roman
Corpus - Roman
Fluchtversuche - Erzählungen
Catalina - Roman
Das Zimmermädchen - Roman

Literaturpreise (Auswahl):
Moerser Literaturpreis
Stadtschreiber von Schwaz
Marburger Literaturpreis
Stuttgarter Schriftstellerhaus
Limburg-Preis Bad Dürkheim
Heinrich-Heine-Stipendium
Goldener Lorbeer für den besten historischen Roman 2006


*Die Vorlesefunktion nutzt Voice Reader Web von linguatec.de

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