Unternehmenskultur

Die Daimler Kunst Sammlung

Als eine der ersten Unternehmenssammlungen in Deutschland wurde die Daimler Kunst Sammlung 1977 mit dem Ankauf von Gemälden von süddeutschen Künstlern wie Willi Baumeister, Adolf Hölzel und Oskar Schlemmer ins Leben gerufen und nun über mehrere Jahrzehnte mit großem Engagement weiter ausgebaut.
Die Daimler Kunst Sammlung
Max Bill: bildsäulen-dreiergruppe, 1989 Email auf Stahl (vor dem Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart)
Die Sammlung hat sich heute schwerpunktmäßig im Bereich abstrakt-konstruktiver, konzeptueller und minimalistischer Tendenzen in Europa und den USA positioniert. In ihrer Gesamtheit spiegelt die Daimler Kunst Sammlung wichtige Strömungen der abstrakten Kunst des 20 Jahrhunderts wider.
Teil der Sammlung sind weiterhin Auftragswerke zum Thema Automobil sowie kritisch-engagierte Gegenwartskunst aus Indien, Japan, Australien, Südafrika und Südamerika - Länder, in welchen die Daimler AG präsent und tätig ist.
Seit der Gründung der Sammlung ist der Bestand bis heute auf etwa 1800 Gemälde, Fotografien, Videoarbeiten, Installationen und Skulpturen von rund 600 deutschen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern angewachsen.
Die Sammlung wird in wechselnder Auswahl an den verschiedenen Unternehmensstandorten gezeigt und umfasst auch große Skulpturen, die teilweise in Zusammenarbeit mit den Künstler für Standorte des Unternehmens sowie für öffentliche Plätze verwirklicht wurden.
Wir sprachen mit Dr. Renate Wiehager, die seit 2001 als Kuratorin die Sammlung betreut, über die Daimler Kunst Sammlung und die Bedeutung der Kunst für das Unternehmen.

 

Den Ausgangspunkt in den 1970er Jahren der Sammlung bilden Künstler aus dem süddeutschen Raum wie Hölzel, Schlemmer, Baumeister, da das Unternehmen ja hier seinen Stammsitz hat. Gibt es auch heute noch regionale Schwerpunkte was die Erwerbungen anbelangt oder anders gefragt, welche Kriterien spielen für Sie bei der Erweiterung der Sammlung eine Rolle?


Mit den Erwerbungen für die Daimler Kunst Sammlung, die in meiner Verantwortung als Kuratorin liegen, verfolgen wir vier Schwerpunkte, die jeweils langfristig geplant und recherchiert werden: Wir erwerben erstens Aspekte internationaler Kunst nach 1950, die noch in unserem Spektrum abstrakter Avantgarden fehlen - das waren etwa in den vergangenen Jahren die europäische Zero Avantgarde oder amerikanische und britische abstrakte Kunst der 1950er bis 1980er Jahre.
Wir beobachten zweitens, was sich im zeitgenössischen internationalen Feld abstrakt-minimalistischer Kunst entwickelt - und hier haben wir natürlich auch regionale Aspekte weiter aufmerksam im Blick.
Ein dritter Aspekt sind Positionen engagierter junger Kunst aus Ländern, in denen das Unternehmen präsent ist, also etwa Indien, Japan, Australien, Südafrika, Südamerika.
Und schließlich viertens verfolgen wir das 1987 mit Andy Warhols „Cars" Serie begründete Thema der auftragsbezogenen Werke weiter.

 


Auf welche Art und Weise können Mitarbeiter des Unternehmens an der Kunstsammlung
teilhaben? Und wie wird die Kunst von den Mitarbeitern aufgenommen?

In Deutschland machen wir zwei mal jährlich wechselnde Themenausstellungen aus der Sammlung heraus an den großen Standorten - Stuttgart, Sindelfingen, Berlin - und laden die Mitarbeiter monatlich zu Führungen ein.
So können interessierte Kollegen über einige Jahre hinweg alle Aspekte der Sammlung und natürlich Neuerwerbungen kennenlernen. Die 2003 begonnene Welttournee der Sammlung - wir waren seither zu Gast in großen Museen unter anderem in Pretoria, Detroit, Tokio, Sao Paulo, Singapur - begleiten wir ebenfalls mit Themenführungen für die Mitarbeiter an den jeweiligen Standorten.
Alle Werke und Ausstellungen der Daimler Kunst Sammlung werden überdies in informativen Publikationen den Mitarbeitern zugänglich gemacht.

 


Wie präsentiert sich die Sammlung der allgemeinen Öffentlichkeit, außer im eigenen Ausstellungsraum in Berlin?


Unsere öffentliche Präsenz hat drei Aspekte.
Der für Deutschland wichtigste Ort ist sicherlich unser Ausstellungsraum „Daimler Contemporary" am Potsdamer Platz in Berlin im alten Weinhaus Huth, wo wir vier Themenausstellungen im Jahr zeigen und jährlich rund 30.000 deutsche und internationale Besucher begrüßen können. Alle Ausstellungen werden begleitet von Fach- und Künstlergesprächen sowie Themenführungen. Der Raum ist sieben Tage die Woche bei freiem Eintritt geöffnet.
Zweitens richten wir jährlich auf Wunsch und spezielle Anfrage hin Ausstellungen für Museen in Deutschland aus, dies auch im Sinne der Förderung regionaler Kultureinrichtungen. So war diesen Sommer unsere Schau „Minimalism and Applied" im Museum Kulturspeicher Würzburg zu Gast, im Frühjahr 2009 eröffnen wir eine Ausstellung mit rund 100 Werken im Museum Prediger in Schwäbisch-Gmünd sowie später im Juni eine Übersicht aktueller indischer Kunst in der Galerie der Stadt Sindelfingen.
Und dann ist da drittens die schon genannte Welttournee mit rund 150 Werken der Sammlung von Adolf Hölzel bis zu jüngster Kunst.

Die Abteilung Kunstbesitz ist nicht wie sonst üblich dem Marketing des Unternehmens angeschlossen, sondern dem Bereich Kommunikation, was in der deutschen Unternehmenslandschaft einzigartig ist.
Kunst ist bei Daimler demnach mehr als nur ein Marketing-Instrument: Was bedeutet das für unternehmensinterne Vorgänge und Arbeitsprozesse?


In dieser Zuordnung kommt zum Ausdruck, wie Daimler sein Kunstengagement sieht und plant: als Form des Dialogs mit den Mitarbeitern, aber auch mit unseren Kunden und der Gesellschaft sowie auch als Unterstützung kultureller und sozialer Prozesse im Unternehmen.
Gespräche über die zum Beispiel in Foyers und Kantinen ausgestellte Kunst, die Auseinandersetzung mit ihr, fördern die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander und sie tragen zur Stärkung der Unternehmenskultur bei.
Es ist aber auch unser Ziel, über die Präsentation unsere Sammlung in unserem Ausstellungsraum, in internationalen Museen und auch bei Veranstaltung mit unseren Kunden und der breiten Öffentlichkeit in Kontakt zu kommen und zu bleiben.

 


Vergibt die Abteilung Kunstbesitz auch ganz gezielt Auftragsarbeiten an bestimmte Künstler?


Ja, natürlich, wir unterscheiden hier die produktbezogenen Auftragswerke von Aufträgen für architektonische und urbane Situationen.
1986, zum hundertjährigen Jubiläum der Erfindung des Automobils, kehrte mit dem Auftrag der damaligen Daimler-Benz AG das Auto als Motiv und Ikone der Mobilität in das Werk Andy Warhols zurück. Von insgesamt rund 80 geplanten Bildern der Cars-Serie konnten bis zu seinem Tod im Jahr 1987 allein 35 Bilder und 12 Zeichnungen realisiert werden. Dieses Konvolut bildet gleichermaßen den Nukleus für einige weitere Auftragsarbeiten, die für die Daimler Kunst Sammlung entstanden.

Von 1995 bis 1998 entwickelte der Amerikaner Robert Longo auf Anfrage der Daimler Kunst Sammlung eine Reihe von fünf großformatigen Zeichnungen mit dem Titel Cars From Above, die Pkw-Modelle der 1980er und 1990er Jahre von oben gesehen wiedergeben. Dazu gehört auch Big Red Car, ein Airbrush-Gemälde, das den Mercedes SLK in Seitenansicht zeigt.
Auf Longo folgten große Werkgruppen etwa von der Stuttgarter Künstlerin Simone Westerwinter, von Sylvie Fleury (Genf) oder Vincent Szarek (New York).

Auch einige der großen Skulpturen der Daimler Kunst Sammlung sind im Auftrag des Unternehmens entstanden, dazu gehören u. a. die Arbeiten von Heiliger, Mack, Bill und Nierhoff in Stuttgart, von Paik, Morellet, Rauschenberg und de Vries in Berlin.

In Möhringen ist die zehn Meter hohe, installative Skulptur dem Lichte entgegen von Klaus Staudt 1990 für ein zentrales Treppenhaus entwickelt worden. In unmittelbarer Nachbarschaft hat Ben Willikens, in Stuttgart lebender und bis 2006 in München lehrender Akademieprofessor, für das Auditorium drei Wandbilder geschaffen.
Weitere große Aufträge gingen in den letzten Jahren an Franz Erhard Walther, Gerold Miller, Jan van der Ploeg oder Stephane Dafflon.

 


Betreibt die Sammlung Daimler auch Kunstförderung indem junge Künstler angekauft und gezeigt werden?


Ja, etwa ein Drittel unserer jährlichen Erwerbungen spielt sich im Bereich junger Gegenwartskunst ab.
Aber nicht nur der Erwerb selbst kann als Förderung gesehen werden. Für die Künstlerinnen und Künstler ist ebenso wichtig, dass ihre Werke publiziert und weltweit gezeigt werden, was durch unsere rege Ausstellungstätigkeit ja der Fall ist.
Weiterhin vergeben wir wichtige Förderpreise für junge Kunst in Detroit, Südafrika und Japan, die ebenfalls häufig mit Erwerbungen verbunden sind.

Einige der Werke der Daimler Kunst Sammlung werden dauerhaft im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart-Untertürkheim und dessen Umfeld präsentiert, dazu gehören die bildsäulen-dreiergruppe von Max Bill und die "Große Stele" von Heinz Mack. Die Daimler Kunst Sammlung ist zudem auch regelmäßig mit Ausstellungen in baden-württembergischen Museen und Galerien zu Gast.

 


*Die Vorlesefunktion nutzt Voice Reader Web von linguatec.de

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