Lockt uns also der Traum vom ewigen Leben zurück? Wir bauen das Berliner Barockschloss wieder auf, restaurieren Kirchen aus dem 14. Jahrhundert, sammeln und musealisieren akribisch Relikte aus vergangenen Zeiten. In den Medien sorgt der Vergangenheitskult für Schlagzeilen. „Der permanente Blick zurück" lautete ein SWR2 Forum, in dem Wissenschaftler diskutierten, weshalb die Menschen sich so nach Mythen und alten Geschichten sehnen. Der Wiener Historiker Philipp Blom behauptet: "Wir sind eine Kultur des ewigen Jungseins, der dauernden Neuerungen, die wieder in der Versenkung verschwinden, bevor sie altern können. Es ist eine Sphäre entstanden, die nicht mit Vergänglichkeit leben kann, weder mit dem Altern noch mit anderen Arten von Verfall." Unsere Eltern sterben in Altenheimen, weit weg von zu Hause. Wir verbannen den Tod aus dem Alltag und suchen doch das Unsterbliche in altertümlichen Exponaten. Mit zeitgenössischem wollen wir uns nicht umgeben, gerade in Deutschland haben es beispielsweise Architekten schwer. Ein modernes Gebäude von Zaha Hadid oder Frank Gehry hätte sich gegen den Wiederaufbau des Berliner Schlosses nicht durchsetzen lassen. Auch sonst finden sich in deutschen Metropolen wenig Highlights zeitgenössischer Architektur, eine computergenerierte Kirche, undenkbar. Als der Leipziger Malerstar Neo Rauch Kirchenfenster für den Naumburger Dom gestaltete, hieß es im Spiegel „Neo Rauch bringt Dom zum Erröten". Gleich im ersten Satz wurde klar gestellt: „Mittelalter und Moderne vertragen sich nicht." Warum eigentlich? Was im ersten Moment ungewohnt erscheint, muss noch lange kein Stilbruch bedeuten. Neuerungen hatten es immer schon schwer, selbst der Impressionismus, heute eine anerkannte Kunstströmung der klassischen Moderne, galt zu seiner Zeit als verpönt und wurde heftig kritisiert. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass wir mit Ungewohntem hadern, aber was führt uns immer wieder so weit zurück? Es gehe, meint der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich, um ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung. „Die heutigen Individuen haben" so Ullrich „anders als der Adel, kein Wissen um ihre Herkunft, sie sind sozusagen weitgehend geschichtslose Monaden, sie wollen sich daher Tradition und Geschichte sekundär aneignen." Dient die Rückwendung zum Alten also doch der Identitätsbildung? Ähnlich sieht das auch Alfried Wieczorek, Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim:
„Mit dem Wiedererrichten wird der Versuch gemacht, Identität stiftende Monumente zurück zu gewinnen. In den gleichförmigen Innenstädten schaffen oftmals nur Traditionsinseln aus restaurierten Gebäuden die Unverwechselbarkeit. Schwierig wird es, wenn in nostalgischer Verklärung die Vergangenheit als eine Art „Disney World" wieder entsteht und Fragen nach Authentizität nur eine untergeordnete Rolle spielen. Daneben ist sicherlich die Sehnsucht nach einer anderen Art der Vergangenheit ausschlaggebend, die mit bestimmten Werten, aber auch Stimmungen und Gefühlen in Verbindung gebracht wird." Haben die Menschen vielleicht Angst vor der eigenen Zukunft, die immer multimedialer, vernetzter und unübersichtlicher wird? Unaufhaltsamer technischer Fortschritt einerseits, sehnsuchtsvoller Blick zurück auf der anderen Seite, vielleicht liegt tatsächlich in der Kombination die Zukunft. Schon jetzt werden im Zentrum für Kunst und Medientechnologie die ersten Zuse-Rechner musealisiert. Die großen Ungetüme, kaum vierzig Jahre alt, gehören längst zum unbrauchbaren alten Eisen. Doch die Museen seien hoffnungslos überfordert, unfähig, mehr als einen Bruchteil der täglich anfallenden Reliquienmasse aufzufangen, erklärt Christoph Türcke, Philosophieprofessor in Leipzig. Dennoch seien sie unersetzlich, jedenfalls so lange die kopflose Fortschrittsdynamik, andauere. Die Geschichtslosigkeit unserer Epoche wäre allenfalls zu überwinden durch ein globales Geschichtsereignis vom Kaliber einer sozialen Weltrevolution. Möglicherweise würde es schon ausreichen, die Zeiten weniger streng voneinander abzugrenzen und das Ganze als einen langen ruhigen Fluss zu betrachten, mit vielen Stromschnellen und einigen Hindernissen. Im Badischen Landesmuseum Karlsruhe stehen alte Objekte friedlich neben zeitgenössischer Kunst, lädt das Floß-Modell des Münchner Künstlers Hannsjörg Voth (der ein Floß mit einer Mumie über den Rhein ins Meer schickte, bevor es dort verbrannt wurde) zum Dialog mit den ägyptischen Exponaten ein.
Schon die Orte, an denen gesammelt wird, müssten Zeiten verzahnen. Antike Exponate befinden sich meist entweder in alten, restaurierten Schlössern oder zumindest Gründerzeithäusern oder ehemaligen Militärkomplexen. Was wäre wenn man solche Sammlungen in moderne, visionäre Gebäude stecken würde? Vielleicht könnte das zu einem Dialog zwischen Antike, Heute und Morgen führen, der unseren Blickwinkel in alle Richtungen öffnet. Unsere Nachbarn haben hier die Nase vorn, jüngst ließ Chirac von Jean Nouvel einen modernen Komplex für traditionelle afrikanische Kunst bauen. Archaisches trifft hier auf Zeitgenössisches, Glaswandstaffelung, Spiralturm, pflanzenbewachsene Außenwand, wildes Denken wohnt in einem fantasievollen Raum. Wer kommt, um alte Masken zu bewundern, wird zwangsläufig auch den außergewöhnlichen Bau wahrnehmen. Wer letzteres begutachten will, findet im Innern exotische Statuetten. Der Blick zurück könnte uns somit auch nach vorne führen.
Ute Bauermeister