Die Zeit des Flüsterns ist schon lange vorbei. Cornelia Sodan muss als Souffleuse am Ulmer Theater manchmal richtig laut werden, um verstanden zu werden
Das französische Verb „souffler“ bedeutet unter anderem „flüstern“. Die Berufsbezeichnung „Souffleuse“ mag aus jener Zeit kommen, als noch ein geheimnisvoller Kasten die hilfreiche „Stimme von unten“ barg und verbarg. Sehen kann das Publikum auch Cornelia Sodan nicht, wenn die Schauspiel-Souffleuse bei Vorstellungen im Großen Haus im Seitenbereich in der Vorhangrinne an einem Tischchen sitzt. Die Zeit des Flüsterns aber ist vorbei. „Manchmal muss man an dieser Stelle richtig laut sein, um von den Schauspielern verstanden zu werden“, sagt Cornelia Sodan, die wir heute in unserer NUZ-Serie „Menschen hinter den Kulissen“ vorstellen.
Es ist ein ungewöhnlicher Beruf, den die blonde Erfurterin ausübt, so ungewöhnlich, dass es dafür keine Ausbildung gibt. Eine Souffleuse - Männer sind in diesem Beruf selten - kann sich die umfangreichen Fähigkeiten, die für diese Tätigkeit nötig sind, nur autodidaktisch aneignen. Eine Aufführung läuft dann am besten, wenn am wenigsten souffliert werden muss, und schon während der Vorbereitungszeit einer Inszenierung ist es letztlich Cornelia Sodans Ziel, am Ende möglichst wenig gebraucht zu werden.
Probleme hat sie mit dem starken Zurücknehmen nicht, das ihr Beruf erfordert, denn ihre Tätigkeit gibt ihr auch viele Möglichkeiten der Einflussnahme und des Gestaltens. Cornelia Sodan begleitet als Souffleuse die Stücke von Anfang an, erlebt deren Entwicklung und Hintergründe mit. „Zuerst bekomme ich das Buch, das ich aber möglichst nicht ganz lese, um mir die Spannung zu erhalten." Bereits während der Probenphase ist - wie später während den Aufführungen - ihre höchste Konzentration Grundbedingung, muss sie doch präzise auf Anweisungen des Regisseurs achten, muss Satzanfänge geben, wenn die Schauspieler hängen bleiben, nebenbei Fehler notieren und die Schauspieler auf sprachliche Probleme hinweisen. Geistige Flexibilität ist nötig, um stets zu wissen, wo die Darsteller gerade sind, denn oft springen sie bei den Proben über Textstellen. „Man darf da keine Sekunde abwesend sein." Neben der starken Ausrichtung auf das Tun der anderen aber ist auch ihre eigene Person gefragt: „Es ist wichtig, sich durchsetzen zu können", sagt Cornelia Sodan. „Denn ich muss mir, um das Notierte einzubringen, auch das Wort verschaffen. Wann der richtige Moment ist, dafür braucht man viel Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis." Jeder Schauspieler bringt seine eigene Persönlichkeit mit, und ein Hängenbleiben äußert sich bei jedem unterschiedlich. „Es ist Gefühlssache zu spüren, ob sich der Schauspieler in diesem Moment selbst helfen kann - und wenn nicht, welches Wort ihn dann auf die richtige Spur bringt. Ich greife wirklich nur im Notfall ein." Um dieses Feingefühl zu haben, ist eine positive Beziehung zu den Schauspielern wichtig. Von Nutzen ist Cornelia Sodan sicher dabei, dass sie selbst schon auf der Bühne stand: „Einmal war ich in einer Doppelfunktion auf der Bühne in ,Rodogune'. Mitten im Stück musste ich meinen Mantel ablegen und als Dienerin in einem Wasserbecken tanzen", erinnert sie sich lachend. „Und im Nachtfoyer hab ich mal Verona Feldbusch dargestellt."
Dass sie einmal in Ulm leben würde, war der Mutter von drei Kindern nicht in die Wiege gelegt. Cornelia Sodan wuchs in Erfurt auf, spielte im Jugendsinfonieorchester und wollte Kunstmalerin werden. Wegen ihres politischen und kirchlichen Engagements verließ sie die DDR mit ihrem damaligen Ehemann ein Jahr vor dem Mauerfall. „Mit Ausreiseantrag und all den Schikanen." Bayern und Italien zu sehen, davon hatte sie immer geträumt, erzählt sie. Von der Existenz Schwabens habe sie nur über das Märchen von den „Sieben Schwaben" gewusst. „Ich wollte gern am Theater im Opernchor oder in der Statisterie arbeiten." Dann allerdings war in Ulm die Stelle einer Schauspielsouffleuse vakant, eine Herausforderung für den Opernfan Cornelia Sodan, der allerdings seit je eine Liebe zur Sprache und zur Literatur eigen war.
Bedauert hat sie ihre Entscheidung nie, zumal sie ihre künstlerische und musische Begabung in ihren Beruf einbringen kann. „Das Schauspiel hat meinen Horizont ganz enorm erweitert. Ich nehme fast aus jedem Stück etwas für mich mit. Oft haben Stücke ja etwas mit der eigenen Lebenssituation zu tun." Sechs Tage pro Woche ist Cornelia Sodan am Theater tätig, im geteilten Dienst vier Stunden am Vormittag und mindestens vier Stunden am Abend. „Es ist ein sehr familienunfreundlicher und zeitaufwendiger Beruf, man muss ihn unbedingt lieben, um ihn ausüben zu können." Umgekehrt gab ihr der Beruf Stabilität in einer schwierigen Zeit. „Theater ist eine Art Familie. Aber eben nur eine Art Familie - es ist ein Ort des Abschieds und des Neuanfangs, wo man ständig Ideen und Eindrücke bekommt."
Und der klassische Souffleurkasten, mit dem ihr Beruf zumeist auch heute noch identifiziert wird? Für eine einzige Aufführung saß Cornelia Sodan einmal in einem solchen. „Das war während eines Stückes mit barocken Röcken. So viel Staub habe ich in meinem ganzen Leben noch nie eingeatmet", winkt sie lachend ab.
Dagmar Königsdorfer