Wolfgang Bergmann, Akademie für Darstellende Kunst BW

Spiel und Sein

„Nichts kann mir geschehen, was nicht schon in meinem Kopf geschehen wäre, und ich brauche mich nicht zu quälen mit der Bedeutung von Spiel und Sein. Auf der Bühne bewohnen wir eine gesegnete Bleibe, die die Zeit gerinnen machen kann und in ein unsterbliches Jetzt rahmt, das nie aus den Fugen gerät, das so lange dauert, wie wir willens sind, das „Morgen und morgen, und dann wieder morgen“ zu ignorieren wie im Liebesakt.“ George Tabori
Spiel und Sein
Prof. Wolfgang Bergmann © promo
Nein, es ist nicht mein Lieblingsstück. Ich habe gar keins. Ich suche noch. Deshalb gehe ich immer wieder hin. Ins Theater. Und es sind ja auch gar nicht immer die Lieblingsstücke, die uns in Erinnerung bleiben, verfolgen, verändern wohlmöglich. „Mein Kampf" ist so ein Stück. George Tabori hat es geschrieben. In diesem Jahr werden wir einen Film daraus machen für das Kino, den ZDFtheaterkanal und ARTE. Es verfolgt mich.
In Frau Merschmeyers Männerwohnheim in der Wiener Blutgasse kommt es zu einer ganzen Reihe merkwürdiger Begegnungen. Da sind einerseits der Buchhändler Schlomo Herzl und der arbeitslose Koch Lobkowitz, die wie Don Quichotte und Sancho Panza ein tragikomisches Rollenspiel „Knecht und Gott" geben. Lobkowitz erfindet neue Gebote, während sein Gehilfe Herzl an der Abschaffung Gottes arbeitet und um ein ungeschriebenes Buch herumfabuliert, auf dessen Titel sich die beiden in einem ihrer zahlreichen Dispute immerhin einigen können: „Mein Kampf". Zum anderen stößt da ein junger Mann namens Hitler hinzu. Mit unsäglichen Aquarellen unterm Arm versucht er sich an der Wiener Kunstakademie zu bewerben. Schlomo, dessen Mutter bei einem Pogrom ums Leben gekommen ist, kümmert sich um Hitler, obwohl dem der Judenhass aus allen Poren quillt. Zwischen Schlomo und Hitler entsteht eine Hassliebe, ihre Wohngemeinschaft scheint mal Komödienstadel mal Todeszelle zu sein.
Schlomo hilft Hitler und diese Hilfe hat der auch bitter nötig, denn er ist ein Trottel, ein Verlierer. Er schafft die Aufnahmeprüfung für die Akademie nicht. Gegenüber Frauen verhält er sich so charmant wie Rattengift. Aber Schlomo hilft, irgendwie kann er nicht anders. Er bringt kurz gesagt dem Hitler den Hitler bei. Doch der spannt Schlomo zum Dank seine torfdumme, blonde Geliebte Gretchen aus, indem er sie vor der Rassenschande warnt und macht ernst mit seiner Ankündigung, er wolle nun, da ihn die Akademie nicht wolle, stattdessen die ganze Welt erobern (ein Lehrstück also auch darüber, was man als Akademiedirektor alles falsch machen kann...). Als Frau Tod erscheint und mit Hitler in die Welt aufbricht, ist das Unheil nicht mehr aufzuhalten.
Tabori leitet aus der Banalität des Alltags ab, wie gründlich die Dinge schief gehen können, ohne dass wir zunächst etwas bemerken. Es ist ja allen schonmal passiert, jemanden unterschätzt oder sich in jemandem geirrt zu haben. Nichts wirklich Beunruhigendes möchte man meinen. Und komisch ist es auch noch. Eine herrliche Satire. Haben wir gelacht! Aber das Stück ist von einem geschrieben, der den Großteil seiner Liebsten gewaltsam verloren hat, gemordet von eben diesem Hitler und seinen Schergen in Auschwitz und den anderen Todesmühlen der Nazis.
Das geht gar nicht.

Ich muss in diesen Tagen hitziger Debatten um Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten" häufiger an George Tabori denken als ich es eh schon tue. Tabori ist im vergangen Jahr im Alter von 93 Jahren gestorben, unbegreiflicherweise, denn wir alle hatten gedacht, er werde wenn nicht ewig so doch zumindest uns alle überleben. Möglicherweise liegen beide im Ergebnis ihrer Betrachtung des Holocaust gar nicht weit voneinander, betrachtet man Littells These, dieses Maß an Menschenverachtung sei kein spezifisch deutsches Phänomen, sondern eines der gesamten Menschheit. Aber Littell schildert die Grausamkeiten in allen Einzelheiten und riskiert beim Leser, sich erneut an den Opfern zu vergehen, indem sie neben Abscheu auch Lust empfinden wie es die Voyeure tun, die wir alle auch sind, im Angesicht des Grauens.
„Ja, so ist der Mensch", sagt auch Tabori. Aber um Wievieles eleganter hat er uns das beigebracht. Wir mussten sogar lachen dabei und kannten uns selbst nicht mehr. Wir sind aus uns ausgebrochen. So war es damals in der legendären Uraufführung von „Mein Kampf" im Wiener Akademietheater. Wir haben gelacht und kannten uns selbst nicht mehr. Wir haben nicht befreiend gelacht. Aber gelacht haben wir doch.
„Der größte Witz ist Auschwitz" soll er gesagt haben, der ungarische Jude George Tabori, der nach dem Krieg nach Österreich, nach Deutschland kam, um mit uns allen Theater zu spielen. Und selbst wir Nachgeborenen haben begonnen ihm zu glauben, dass nur so es wohl gelingen könnte, sich allmählich aus dem andauernden Würgegriff der Nazis zu befreien. Wenigstens auf dem Theater, das sowieso irgendwie der einzige Ort ist, an dem es wirklich zugeht, ohne dass man daran verzweifeln müsste. Siehe oben.

Wolfgang Bergmann


Zur Person:
Prof. Wolfgang Bergmann organisiert die Theaterarbeit im ZDF, insbesondere für 3sat und ARTE, darunter das Programm-Engagement beim Theatertreffen in Berlin. Er ist Mitinitiator ressortübergreifender Programmschwerpunkte wie beispielsweise „Alles was Brecht ist", die Medienpartnerschaft Weimar '99 sowie Peter Steins „Faust"-Projekt, „Das Jahrhundert des Theaters", „Schiller 05" und Heinrich Heine.
Er ist Autor und Herausgeber verschiedener Publikationen und Bücher. Bergmann entwickelte außerdem das Konzept der Theaterfilme. Dazu gehören Brechts „Baal" sowie Wedekinds „Lulu" in der Regie von Uwe Janson und Schillers „Kabale und Liebe" von Leander Haußmann.
Außerdem koordiniert er die performing-arts-Programme des ZDF für ARTE, dazu gehören auch Pop-Musik und Tanz.
Seit 2001 ist Wolfgang Bergmann Leiter des ZDFtheaterkanals. Ab 1. November 2007 übernahm er die Leitung der neuen Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg.


*Die Vorlesefunktion nutzt Voice Reader Web von linguatec.de

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