Ein Porträt der Freiburger Meisterschülerin Stefanie Gerhardt

Nicht festlegen lassen

Bekannte von Stefanie Gerhardt dürfen sich nie sicher sein, ob sie sich selbst nicht in einer Arbeit der jungen Künstlerin begegnen werden. Die Porträts ihrer Kolleginnen und Kollegen von der Freiburger Außenstelle der Karlsruher Akademie waren Motiv von „Passe“, einer Installation mehrerer, in einem Karton archivierter Glasplatten. Auf neun mal neun Zentimeter bannte sie die Konterfeis der Kommilitonen, legte eine zweite Platte darauf, so dass die fotorealistischen Abbildungen leicht verschwammen. Sich ein Bild von jemanden machen, heißt auch, ihn festlegen zu wollen. Dass dies nicht immer möglich und wohl noch nicht einmal wünschenswert ist, daran erinnern die Arbeiten der 1974 geborenen Stefanie Gerhardt. Ihre 12-jährige Tochter jedoch ist ihr liebstes Sujet. Vielleicht, weil sie sich in ihr wieder erkennt und diese doch gleichzeitig eine eigenständige Persönlichkeit bleibt. Besucher der Sommerausstellung 2007 der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe werden sie kaum übersehen haben: die lebensgroße Figur, die ihr nachempfunden war, stemmte sich im Lichthof mit nach hinten abgewinkelten Handflächen und in orangefarbenen Gummistiefeln gegen zwei Stellwände. Wären da nicht die frei fallenden farbigen Schnüre, man könnte die Figur mit der schwarzen Plastik glatt für eine Puppe halten, die in eine etwas ungewöhnliche Lage gebracht wurde.
Nicht festlegen lassen
Rabenwechsel, 2005, Pastell auf Karton
Stefanie Gerhardt legt sich selbst nicht gerne fest. Nach ihrer Ausbildung zur Theatermalerin, so erzählt sie im Atelier, fiel ihr der Neuanfang an der Akademie schwer. Die Techniken beherrschte sie alle aus dem Effeff und auch die meisten Materialien waren ausgereizt. Wer sich einen Überblick über das Werk der Meisterschülerin von Leni Hoffmann verschafft, wundert sich, wie breit es angelegt ist. Skulpturen finden sich neben Pastellen, Arbeiten mit Stoff ebenso wie neuerdings Videoarbeiten. Bei jeder Arbeit, so sagt sie, habe sie eine bestimmte Idee und ein inhaltlicher Ansatz gereizt. Mittlerweile hat sie sich mit der eigenen Vielfalt angefreundet, sieht die inneren Zusammenhänge und empfindet sie nicht mehr als Makel. Doch hat sie länger als viele ihrer Mitstudierenden gebraucht, um ihre Arbeit auch jenseits der Akademieausstellungen einer Öffentlichkeit zu zeigen.
Grundlos, wie erste Erfolge zeigen. So wurde ihr Anfang dieses Jahres der Freiburger Akademiepreis verliehen und auch die Prüfungen liegen seit Februar hinter ihr. Die Präsentation in der Freiburger Außenstelle der Akademie und die Vorbereitungen für die große Ausstellung der Karlsruher Meisterschüler im Kunstverein Heilbronn waren Anlass, Verbindungen zu ziehen.
So können Stefanie Gerhardts Videos nicht verleugnen, dass sie von der Malerei kommt. Was das neue Medium mit sich bringt, ist die Dimension der Zeit und die Bewegung. „Viele Dinge kann man nicht darstellen, wenn sie statisch sind", sagt Gerhardt. In ihrem Video „Malmäuse" von 2007 verbindet sie eine formale Idee mit viel spielerischem Witz. Der Aufbau ist streng und setzt sich aus 20 Bildformaten zusammen, die farblich unterlegt sind und sich vom Laufrad unterscheiden, das von Mäusen in Bewegung gehalten wird. Sehr dynamisch wirkt diese Arbeit und zugleich malerisch durch die Kontraste der grellen Farbtöne Pink, Grün, Rot und Violett. Unweigerlich starrt man wie gebannt auf die Blumenrosetten und die Mäuse (die beiden gehören natürlich zur Familie Gerhardt), die sich hier scheinbar ohne jedes Ziel abmühen. Wenn der eine oder andere angesichts der „Malmäuse" an die Existenz des Künstlers denken muss, liegt dies durchaus in der Intention von Stefanie Gerhardt.
In ihrer ersten Videoarbeit wickelt sich eine Figur allmählich aus bunt gemusterten Binden. Wo sie sich aus diesen bereits geschält hat, kommt nicht die Person zum Vorschein, sondern eine Leerstelle. Je mehr sie sich von diesem Schlauch, für den Stefanie Gerhardt abgelegte Kleidung von sich vernäht hat, löst, desto mehr verliert sie sich selbst. Identität und subjektive Wahrnehmung, so bestätigt Gerhardt, sind Themen, mit denen sie sich ständig auseinandersetzt. Ein Identitätstausch war es auch, der für sie einen Einschnitt im eigenen Arbeiten markierte: so schuf sie vor zwei Jahren das Pastell „Rabenwechsel". Rechts hält ein Kleinkind einen Raben im Arm, links jedoch ein schwarz gefiedertes Baby einen nackten Raben. Die Vielfalt hatte hier zu einer eigenen Konsequenz gefunden. Annette Hoffmann
Aktuelle Bilder von Stefanie Gerhardt: Ausstellung TOP 08 Meisterschüler im Kunstverein Heilbronn, 17. Mai bis 22. Juni 2008
Eröffnung: Freitag, 16. Mai 2008, 19 Uhr. Öffnungszeiten Kunstverein Heilbronn: Di-So 13-17 Uhr. Teilnehmende sind die Meisterschüler an
der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe 2007/08


Zur Person:
Stefanie Gerhardt, geboren 1974 in Freiburg
2002 - 2007 Studium an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Leni Hoffmann
seit WS 2007 Meisterschülerin von Prof. Leni Hoffmann

Ausstellungsbeteiligungen
2007 Regionale 8 - Kunstverein Freiburg
2007 Art13 - Hoffmann-Riem-Ausstellung
2006 Ins Licht bringen - Ausstellung von Frauenhorizonte Freiburg
2006 Umstellung - Stellwandprojekt, Außenstelle Freiburg
2005/06/07 Jahresaussstellung der Akademie
2003 Werder5 , Ausstellung der Studierenden der Außenstelle
Freiburg der Staatl. Akademie d. bild. Künste Karlsruhe
2003 Klasse, Ausstellung der Klasse v. Prof. Leni Hoffmann im
Haus an der Mehlwaage
2007 Preisträgerin des MedienkunstpreisOberrhein 2007
2007 Preisträgerin des Freiburger Akademiepreises


*Die Vorlesefunktion nutzt Voice Reader Web von linguatec.de

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