Ein Rundgang über eine sich etablierende Kunstmesse

Der Hype, die Kunst und was vom Tage übrig blieb

Während Frankfurt und Düsseldorf ihre Kunstmessen abschaffen, erfreute sich die art Karlsruhe bereits zum fünften Mal eines steigenden Besucherandrangs. 38.000 Menschen, zehn Prozent mehr als im Vorjahr, strömten in die Hallen, um zu schauen und zu kaufen. In der Fächerstadt vermeldeten die Organisatoren schwarze Zahlen, auch ein Großteil der 182 Galeristen war zufrieden.
Der Hype, die Kunst und was vom Tage übrig blieb
Doch welche Künstler werden überhaupt gezeigt und was bleibt für sie übrig? Spielen Künstler auf den Kunstmessen nur noch eine Nebenrolle? Damit es kein allzu unübersichtliches Potpourri wird, pries der art Initiator Ewald Karl Schrade von Anfang an „One-Artist-Shows", die heuer erstmals mit einem Preis und einem extra Katalog bedacht wurden. Wer einem Künstler mindestens 25 Quadratmeter Ausstellungsfläche gewährte, war potentieller Anwärter des „art Karlsruhe Preises", gestiftet vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Karlsruhe. Mit den 15.000 Euro Preisgeld wurden auf der art Werke des prämierten Künstlers gekauft. Somit hatten alle Beteiligten was vom Kuchen. Die vierköpfige Jury entschied sich für den Schweizer Reto Boller, dem die Stuttgarter Galerie Christine und Dieter Mueller-Roth eine Einzelpräsentation widmete. Der 42-jährige arbeitet an der Schnittstelle zwischen Malerei und Objekt. Fasziniert von Blinky Palermo schafft Boller titellose Materialbilder, wie den silbernen Motorradhelm, der auf einer glänzenden Silberfolie klebt. Einer hatte also Glück. Aber was ist mit all den anderen? Die Kauflust sei groß, meldete der Veranstalter. Doch bei der erstmals auf der Messe vertretenen Galerie Eva Poll aus Berlin klebte nirgendwo ein roter Punkt. „Bisher lief es verhalten. Am Eröffnungstag strömten fast zu viele Gäste durch die Hallen, die Käufer fühlten sich durch den Andrang gestört, wohingegen der Donnerstag flau war," resümierte die Galeristen. Andere dagegen hatten bereits im Vorfeld aus dem Katalog heraus verkauft. Sogar Newcomer Ferenbalm-Gurbrü Station aus Karlsruhe mit zeitgenössischen, teils außergewöhnlichen Positionen, veräußerte ein Großformat von Donna Stolz an die Sammlung Würth. Neben dem ungewöhnlichen Namen ließen sich die Galerieinhaber Lukas und Sebastian Baden auch am Stand einiges einfallen: Live Performance oder die „schlechtesten" Porträts für zehn Euro sorgten für reichlich Schaulustige.
Der Landauer Galerist Ruppert lobte die Hilfsbereitschaft nebst guter Atmosphäre auf der Karlsruher Messe. Dazu trägt nicht zuletzt die Persönlichkeit von Ewald Schrade bei, der rund um die Uhr durch die Hallen streifte, immer bereit, flexibel auf einzelne Bedürfnisse einzugehen. Während in Halle 3 eher die teuren Werke der klassischen Moderne hingen, aber auch zeitgenössische arrivierte Künstler wie Horst Antes oder Günther Uecker, konnte man in Halle 2 die jüngeren, teils noch unbekannten Namen entdecken. Viele Künstler standen tagelang am Stand, schüttelten Hände, führten Gespräche und versuchten ihre Arbeiten zu vermarkten. Die junge Japanerin Kariya Rei kam aus Berlin, um ihre abstrakt impressionistischen Gemälde, welche die Gallery Asperger ausstellte, anzupreisen. „Es ist eine gute Chance sich zu zeigen und Kontakte zu knüpfen", meinte Rei. Ähnlich urteilte Kollege Sandro Rubino, der seine kleinformatigen Skulpturen bei der Galerie Alfred Knecht präsentierte. Rubino erinnerte sich, dass damals einige Professoren davon abrieten, an der Karlsruher Messe teilzunehmen, doch das habe sich geändert. Auch anfänglich skeptische Galerien drängen inzwischen auf die art. Man munkelt, Künstler böten sogar an, sich an den Standgebühren zu beteiligen, nur damit der Galerist sie ausstelle. Seriöse Vermittler lehnen das ab.
Inzwischen will jeder dabei sein, denn nur wer wahrgenommen wird, hat eine Chance zu überleben. Nicht selten kommen Käufer auch noch Monate später und erwerben etwas, das ihnen auf der Kunstmesse ins Auge stach. Allerdings, so klagen auch manche Galeristen, immer öfter an der Galerie vorbei, direkt beim Künstler. So versuchten sogar hin und wieder öffentliche Ankäufer die Provision der Galerien zu umgehen. Auch hier scheint die Schere weit auseinander zu gehen: wenige Künstler können von ihren Arbeiten leben, die meisten knapsen am Existenzminimum. Nicht selten verdienen sie mit Nebenjobs ihr Geld. Manche halten sich mit Tauschgeschäften über Wasser und hoffen, dass der Zahnarzt für die neue Krone keine Rechnung stellt, sondern im Atelier ein Bild aussucht. Andere sind überglücklich, wenn sie ein kleineres Format für 600 Euro veräußern, wovon die Galerie die Hälfte bekommt. Lohn für fünf Tage Messe, die Arbeitszeit am Gemälde noch nicht eingerechnet. Nur wer aus der Masse hervorsticht, wer besonders rokoko-poppig malt, wie die 35-jährige Lili Hill in üppiger Nacktheit demonstrativ posiert oder sonst wie abhebt, profitiert vielleicht vom Hype. Laut Handelsblatt ist die Kaufkraft im hochpreisigen Kunstsektor um 200 % gestiegen. Teure Kunst boomt also, doch wer nur spekuliert, kann auch Crashs erleben. Wer nach Geschmack oder „echten" Bewertungskriterien sammelt, schaut nicht auf den Preis, sondern auf Qualität. Aller künstlerischen Freiheit zum Trotz ist Kunst eben ein hartes Geschäft. Während sich der Handy- oder Pharmaproduzent eines großen Absatzmarktes erfreut, muss der Künstler auf die Gunst einiger betuchter Sammler vertrauen. Die Mittelschicht fährt lieber in Urlaub als sich ein Gemälde übers Sofa zu hängen. Eine Kunstmesse im mittleren Preissegment hat es daher nicht leicht. Dafür schlagen sich Künstler und Galeristen auf der art Karlsruhe mehr als wacker!

Ute Bauermeister
Foto: ©Art Karlruhe


*Die Vorlesefunktion nutzt Voice Reader Web von linguatec.de

kulturtermine

Stadt
Startdatum
Endatum (optional)
Rubrik
 Alle Termine ab Startdatum anzeigen
Suchwort/e
Einfache Suche
impressum |  seitenanfang
aktuelles Ausgabe
Best of BW Kunst & Kultur - hier reinlesen und bestellen