Acht zeitgenössische Dramatiker kamen in die Fächerstadt, um ihre jüngsten (bislang nicht aufgeführten) Stücke in szenischen Lesungen zu präsentieren und anschließend mit dem Publikum zu diskutieren. Ist der moralische Untergang der bürgerlichen Gesellschaft ein Bühnenthema? Was beschäftigt junge Autoren diesseits und jenseits des Rheins? Bereits in den vergangenen Jahren zeichnete sich ab: das Theater wird wieder politischer. Die Zeiten, in denen es sich selbst genügte, scheinen endgültig vorbei. Ob „Kriegsszenarien" (2006) oder „Neue Armut" (2007); immer waren die Texte am Puls der Zeit, behandelten den Untergang von Flüchtlingsbooten, den Krieg im Westjordanland, Geiseldrama im Moskauer Theater ebenso wie den Zerfall gesellschaftlicher Werte, die Sinnlosigkeit von Dauerkonsum. Meist gab es noch eine „richtige Handlung" mit Anfang, Höhepunkt und Schluss. Die Figuren stritten miteinander. In diesem Jahr monologisierten die Personen viel mehr. „Mir geht es darum, die Oberfläche zu zeigen. Ich bin gegen Psychologisierung", erklärte der Stuttgarter Autor Tomo Mirko Pavlovic seine Arbeitsweise. In seiner Sozialsatire „Elternzeit" repräsentiert Marie die neue Akademiker-Frauen-Generation: Liebe ist out, die Beziehung nur ein diplomatisches Abkommen um alles unter einen Hut zu kriegen: Karriere, Kinder und Ehe. In geschliffenen Textflächen rasselt sie ihre Standpunkte runter. Entsetzt beobachtet Maries Mutter, eine Alt-68erin, die noch an Ideale glaubt, das Treiben ihrer Tochter. „Heute zeigen die Autoren nur den Verlust, nicht mehr das Glück. Während Schiller noch die Fallhöhe darstellte, beginnen die zeitgenössischen Dramatiker im freien Fall", meint die Schauspielerin Eva Derleder. Was steckt dahinter: Aufruf zum Widerstand oder Resignation? Der einzelne Charakter scheint jedenfalls nicht mehr gefragt. Es werden auch keine theoretischen Moraldiskussionen geführt, wie man das noch von Dürrenmatt kannte. Vielmehr spiegeln die Texte den Zeitgeist: munter am Handy quasseln, statt sich über Altersarmut oder das sinnlose Sterben in Afrika zu mokieren. Wenn die Gesellschaft immer unpolitischer wird, kann das Theater kaum politisch relevante Debatten anstoßen. Es hält den Menschen jedoch einen Spiegel vor, in dem bittere Kommunikationsstörungen aufblitzen. Zwischen Talkshow und Psychorunde geht es in den drei kurzen Dramoletten „Lohnarbeit und Liebesleid" von Johanna Kaptein zwar recht unterhaltsam, aber auch tödlich zu. Eine junge Telefonistin verspeist aus Liebeskummer ihr Handy, während ein soziophober Mann sich umbringt, weil er von seiner Lieblingsmaschine versetzt wird. Wenig besser ergeht es den vier Brüdern in „Familienbande" von Alain Gautré. Sie treffen sich im Hof des verstorbenen Vaters, doch keiner versteht den anderen. Die Französin Virginie Thirion treibt in ihrem Stück „Schreib, dass du mich küsst" das Missverstehen soweit, dass Simon vorgibt eine Frau zu sein und Liebesbriefe an einen Soldaten an der Front schreibt. Es geht der 42-jährigen Autorin um geschlechtsbezogene Identität, um die Frage, wie weit Liebe gehen kann. Waren in den Vorjahren oft bis zu zehn Darsteller pro Stück beteiligt, so kamen jetzt maximal fünf Personen auf die Bühne. Lothar Kittstein, der 2007 mit „Spargelzeit" zum Publikumsliebling avancierte, bringt es auf drei Personen. Diese sitzen in einem Hotelzimmer in Kairo und warten. Der Kontakt zur Außenwelt läuft nur über Handy. Die Diplomatengattin langweilt sich mit ihrer Stylistin, während der Bodyguard hektisch versucht, ihre Termine klar zu kriegen. Aufgrund einer defekten Klimaanlage erfriert die Kleingruppe schließlich. Kein Ausweg, nirgends. Die soziale Eiszeit verheißt nichts gutes. Auch die Kindersoldaten in Philippe Auforts „Der Krümel" schweigen und funktionieren, ohne zu wissen, was geschieht. Wie sollen Kinder lernen, miteinander zu reden, wenn sich die Erwachsenen nichts mehr zu sagen haben? Erstmals wurde ein mit 3000 Euro dotierter Autorenpreis vergeben. Die hochgelobte Österreicherin Gerhild Steinbuch überzeugte die Jury mit ihrem Beitrag „Menschen in Kindergrößen", eine Auftragsarbeit für das Mannheimer Theater. Das noch nicht vollständig abgeschlossene Stück wurde am Eröffnungstag im Straßburger Theater Le Mallion vorgestellt. Die Autorin hat derzeit ein Stipendium an der Stuttgarter Akademie Schloss Solitude, deren Leiter Jean-Baptiste Joly als Juryvorsitzender die Wahl begründete. Die 24-Jährige schreibt widerborstig sperrige Texte, die sich erst nach mehrmaligem Lesen erschließen. Steinbuch spielt mit Elementen aus Märchen, ihre Figuren sind einsame und unkommunikative, allerdings extrem ästhetisierte, Wesen im Dickicht der Städte. Das Theater steht nun vor der Herausforderung solche Texte, in denen moderne Menschen nur noch mit sich und nicht mehr miteinander reden, auf die Bühne zu bringen. Ob dafür neue Formen gefunden werden?
Ute Bauermeister