...und der mutierte vom armen Poeten zum inspirierten Künstler. Im antiken Griechenland hatte jede Quelle ihre eigene Nymphe, hinter jedem Busch konnte Pan lauern und - wer weiß? - vielleicht erwartete jedes schöne Mädchen halb, von Göttervater Zeus persönlich für ein paar unvergessliche Nächte entführt zu werden. Und wenn schon die ganze Natur beseelt ist, dann erst recht die Kunst. Die Griechen waren überzeugt davon, dass Kunst nicht einfach so aus dem Künstler heraus entsteht. Nur, wer von der Muse auserwählt und geküsst wurde, konnte kreativ sein. Damit war jedes Drama, jedes Gedicht oder Lied, eigentlich etwas Göttliches. Homer stellte die „Odyssee" unter den Schutz der Muse, die er anrief. „Sag mir, Muse, die Tat des vielgewandten Mannes...." beginnt er seine Dichtung, als wäre sie ihm von Erato persönlich ins Ohr geflüstert worden.
Aber kannte Homer die Muse Erato schon mit Namen? Erst später zählt Dichterkollege Hesiod alle neun Musen mit Namen auf: Diese neun Musen sind Kleio („die Rühmende"), Euterpe („die Erfreuende"), Thaleia („die Festliche"), Melpomene („die Sängerin"), Terpsichore („die Reigenfrohe"), Erato („die Liebliche"), Polyhymnia („die Liederreiche"), Urania (die Himmlische) und Kalliope („die Schönstimmige"), welche von allen die vorzüglichste sei. (Theogonie, 36-54). Wenn sie nicht gerade Sänger und Dichter inspirieren, singen sie den Göttern auf dem Olymp Loblieder:
Im Mittelalter hatten die Musen wenig zu tun, da die Künstler sich lieber auf die Muttergottes beriefen. Der nächste Scheiterhaufen war nicht weit. Doch die sinnenfreudige Renaissance besann sich auf das Erbe der Antike und erweckte auch die Musen wieder zu neuem Leben. Ein bekanntes Musenbild ist Raffaels Darstellung des Parnass mit Apoll und den Musen sowie berühmten Dichtern, gemalt 1509 bis 1510, in den Stanzen des Vatikan in Rom. In der Bildenden Kunst bleiben sie von da an lange präsent, wenngleich nicht immer in derselben Funktion. In der Antike hätte Goethe ihnen als seinen Ideengeberinnen gehuldigt, aber die Aufklärung vertauschte die Rollen, so dass die Musen nun dem Dichterfürsten huldigen. In der barocken Oper tummeln sich zahllose Halbgötter, Helden und Nymphen antiker Herkunft, gern wird auch der Deus ex machina bemüht, um eine allzu vertrackte Handlung in Wohlgefallen aufzulösen. Nur für die Musen gibt es selten eine Rolle. Terpsichore schaffte es 1734 immerhin auf den Titel einer Ballettsuite von Händel. Und eine der Neun, vermutlich Melpomene, bleibt getarnt als Freund Niklaus als einzige dem unglücklichen Helden in „Hoffmanns Erzählungen" treu. Pech in der Liebe, Glück in der Kunst.
Heute ist den Musen das Göttliche abhanden gekommen, stattdessen dienen sie als Namensgeberinnen. Musentempel gibt es und den Ball der Musen, die Lange Nacht der Musen und den Musenkuss als Galerie oder Buchtitel. Der so genannte Musengaul weist den Weg zum Eingang des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Thalia verfügt über eine Buchhandelskette und scheint die Bilanzen zu inspirieren. Clio ist als Kleinwagen unterwegs. Dabei haftet den Musen immer noch ein ungelöstes Rätsel an. Nach welchen Kriterien treffen sie ihre Auswahl? Wen küssen sie, wie, wann, wo und warum?
Bevor sie zur Diva assoluta wurde, war Maria Callas ein ungeliebtes, übergewichtiges, kurzsichtiges Mädchen, das nicht mit den anderen Kindern spielen durfte und deren einzige Gefährten ein paar Kanarienvögel waren. Und die Musik. Sie war ihr Halt, ihr Leben. „Nur wenn ich singen konnte, fühlte ich mich geliebt", sagte die Callas später. Ein maßlos trauriges Fazit eines Lebens, das zwischen unerreichbaren Höhenflügen und tragischen Abstürzen pendelte. Aber die leidenschaftliche Intensität ihres Singens, die Faszination ihrer Persönlichkeit ließen das einstmals hässliche Entlein zu einer Legende werden.
Aber muss der Mensch erst unglücklich sein, um große Kunst zu schaffen? Umgekehrt gibt es ja weit mehr Unglückliche als Künstler. Trotzdem beschleicht einen der Verdacht, die Musen könnten für ihren Kuss einen Preis verlangen, auszuzahlen in einem frühen Tod oder dem Absturz in den Wahnsinn. Man muss nicht lange nachdenken, um sich an tragisch früh verstorbene Junggenies wie Pergolesi zu erinnern oder an den seelisch kranken Van Gogh.
Die Musen sind gefährlich, denn wer sich ihnen verschreibt, lebt grundsätzlich erst einmal ein zwar innerlich erfülltes, oft aber sehr unkomfortables Leben. Für Reichtum fühlt sich nicht eine der Neun zuständig, stattdessen watet die Forschung heute durch eine Flut von Jahrhunderte zurückreichenden, unbezahlten Rechnungen. Nicht immer waren es die Künstler, die nicht zahlen konnten. Der Komponist Claudio Monteverdi schrieb seinem Dienstherrn, dem Herzog von Mantua, jahrelang Mahnungen, doch endlich das ausstehende Gehalt zu zahlen. Schließlich musste Monteverdi nicht nur seine Familie ernähren, sondern auch Kost und Logis der von ihm ausgebildeten Sängerinnen der herzoglichen Hofkapelle tragen. Als nichts mehr ging, ging der Komponist. Nach Venedig, wo San Marco eine gut dotierte und tatsächlich bezahlte Domkapellmeisterstelle anbot.
Wie auch immer die Musen ihre Wahl treffen, der Charakter spielt dabei keine Rolle. Benvenuto Cellini hinterließ eine Autobiografie („Mein Leben"), die ein wild bewegtes, auch gewalttätiges Künstlerleben zwischen Mars und Musen zeichnet. Dem geltungssüchtigen Renaissance-Bildhauer in die Quere zu kommen, konnte tödlich sein. Cellini selbst bekannte sich zu drei Morden. Wiederholt stand er wegen Schlägereien, aber auch wegen des Verdachts auf Homosexualität, vor Gericht. Wenn die Fürsten des 16. Jahrhunderts nicht so kunstsinnig gewesen wären, hätte es für Cellini früh schon übel enden können. Stattdessen widmete ihm Hector Berlioz eine Oper, Alexandre Dumas einen Roman, und Cellinis Meisterwerk, der Perseus, steht heute noch in der Loggia dei Lanzi in Florenz. Die Musen kennen keine Moral. Sie kennen nur gute oder schlechte Kunst.
Aber sie beflügeln ihre Auserwählten zu ungeahnten Leistungen, selbst dann, wenn alles schon verloren scheint. Erika Köth träumte davon, einmal eine große Sängerin zu werden, als sie im Kinderballett tanzte. Mit 8 Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung, und die erträumte Bühnenkarriere schien in unerreichbarer Ferne zu verschwinden. Mit ungeheurer Disziplin und Willenskraft machte Erika schmerzhafte gymnastische Übungen, bis sie wieder laufen konnte. Ein leichtes Hinken aber wurde sie nie mehr los. Mit 17 gewann sie ein Stipendium ihrer Heimatstadt Darmstadt, denn auch ein Gesangsstudium wollte damals bezahlt sein. Aber der Zweite Weltkrieg beförderte Erika Köth in die Munitionsfabrik statt in die Hochschule. Nach Kriegsende verdiente die Studentin nachts mit Schlagern für die GI's das Geld für ihr Studium tagsüber. Bis die spätere „Königin der Koloraturen" 1947 ihre Karriere beginnen konnte, hatte sie eine harte Schule durchgemacht. Noch am Anfang ihrer Laufbahn sang Erika Köth am Badischen Staatstheater Karlsruhe, was sie so beschrieb: „Das war meine schönste Zeit, wo ich so arm war und nie Geld g'habt hab'..."
Von der Muse der Willenskraft erzählt auch Marcia Haydée. Ohne sie wäre der kometenhafte Aufstieg des Stuttgarter Balletts nicht denkbar gewesen. Aber die Arzttochter aus Rio de Janeiro hätte auch andere Optionen für ihr Leben gehabt. „Meine Begabung war der absolute Wille zu tanzen und der feste Glaube, dass es für mich nichts anderes geben kann. Mein Erfolg war der Weg dieser Leidenschaft", sagt die Primaballerina und spricht damit wesentliche Punkte an. Viele Menschen zeigen in ihrer Kindheit ein Talent zu malen, zu tanzen, zu singen oder zu musizieren. Für die meisten von ihnen bleibt es ein Hobby, sie bilden das durchaus fachkundige Publikum, ohne das keine Ausstellung, keine Aufführung, kein Konzert möglich sind. Doch nur die, bei denen ein großes Talent sich mit starkem Willen verbindet, schaffen den Sprung in die Ateliers und auf die Bühnen.
Der Musenkuss bedeutet auch, an sich und sein Talent zu glauben, nicht die Alternativen zu suchen sondern seinen Weg zu gehen. Der öffnet sich dann meistens: „Ich habe die gebotenen Chancen nur ergriffen. Karriere bedeutet, Chancen zu nutzen", erklärt Marcia Haydée. Sie hätte als 15jährige auch im heimatlichen Brasilien bleiben können statt im kühlen London an der Sadlers Wells Ballettschule klassischen Tanz zu studieren. Wenn die Muse jemanden geküsst hat, dann weiß dieser Mensch, was er will - und das ist selten der bequeme, vermeintlich sichere Weg. NL